Wo beginnt Korruption, Herr Bsirske?

Vom Aufsichtsrat erwartet man Aufsicht, nicht Nachsicht. Wie will gerade Gewerkschaftler Bsirske erstere und nicht letztere garantieren, wenn diejenigen, die er beaufsichtigen soll, ihm 1.Klasse Freiflüge und knapp 430.000 Euro Einkommen garantieren? Fragen von Ralf Schwartz.

Frank Bsirske, Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di, ist gleichzeitig Stellvertretender Vorsitzender im Lufthansa Aufsichtsrat und soll dort die Arbeitnehmer-Seite vertreten.
Ebenso ist er Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der RWE, wo er wohl einen ähnlichen Auftrag von seiner Gewerkschaft hat, und im Aufsichtsrat der IBM (sagt jedenfalls der LH Geschäftsbericht).

Allein bei Lufthansa und RWE erhält er 2007 Aufwandsentschädigungen in Höhe von 427.000 Euro (Lufthansa: 210.000 Euro, RWE: 217.000 Euro).
Davon sind 175.000 Euro bei der Lufthansa und 137.000 Euro beim RWE flexibler Bonus. 312.000(!) Euro also, die er nicht bekommt, wenn die Geschäfte für die Aktionäre mal schlecht laufen!
(Quelle: Geschäftsberichte 2007 von Lufthansa bzw. RWE)

Wie gut kann man noch die Rechte seiner Arbeitnehmer und Gewerkschaftsmitglieder vertreten, wenn man dafür, daß man Kosten reduziert und den Aktienwert steigert (und wir wissen, wie man das heutzutage macht), einen Bonus von 312.000 Euro einstreicht?
Wem steht er näher, seinem eigenen Wohl oder dem seiner Arbeitnehmer und Mitglieder?

Wie stark muß man sein, um diese insgesamt 430.000 Euro nicht zu berücksichtigen, wenn man für seine Arbeitnehmer kämpft?
Wie kann ver.di noch von sich auf der Website behaupten, “… unabhängig von Arbeitgebern, Parteien, Religionsgemeinschaften und staatlichen Organen” zu sein? (Quelle: ver.di)

Wie aber kann man überhaupt noch glaubwürdiges Vorbild sein? Wie kann man Zahlungen in dieser Höhe für sich akzeptieren, tatsächlich aber doch andere Ziele, Prinzipien, Philosophien haben müssen – nämlich die der Gewerkschaft, oder?

Wie kann man akzeptieren, daß zB die Mitglieder dieser beiden Aufsichtsräte zusammen mehr als 6 Millionen pa. für ihre Tätigkeit kassieren? Kann das noch verhältnismäßig sein? Vor allem für einen Gewerkschaftler?

Verrät er nicht seine ureigensten Ziele und Antriebe? Verrät er nicht 2,3 Millionen Mitglieder? Korrumpieren Macht und Geld nicht gerade einen wie ihn?

Muß nicht gerade ein Bsirske jede Nähe zu den Gepflogenheiten des Top-Managements meiden? Muß er nicht, um glaubwürdig zu sein, mindestens die Hälfte seiner ‘Entschädigung’ in die Gewerkschaftskasse einzahlen
Ist er nicht einfach nur von seinen Mitgliedern beauftragt, ihre Rechte zu wahren? Muß er dafür derartig hohe Summen einstreichen und behalten?

Wie nur kann man sich in solch einen Zwiespalt begeben? Wie kann man diese Gratwanderung aushalten? Oder besser:
Würde jemand, der wirklich für die Gewerkschaft und ihre Sache kämpft, sich jemals überhaupt erst in solch einen Zwiespalt begeben?
Würde dem wahren Gewerkschaftler nicht derartiges 1.Klasse-Gebahren fremd sein? Würde er sich dort wohlfühlen können?
Würde er reinen Herzens Freiflüge für sich und seine Ehefrau im Werte von knapp 20.000 Euro realisieren?

Früher wäre einem wahren Gewerkschaftler allein von der Idee schlecht geworden.
Früher waren Gewerkschaftler Männer, die in der vordersten Reihe kämpften, die als erste Prügel einsteckten, sich die Nase blutig stießen im Kampfe für ihre Männer und Frauen – heute fliegen die Gewerkschaftler genau zur rechten Zeit in die Südsee, 1. Klasse, bezahlt vom eigenen Arbeitgeber, vom Klassenfeind!

Natürlich bin auch ich der Meinung, daß man Arbeitgeber am effektivsten beeinflussen kann, wenn man über oder zwischen ihnen sitzt.

Allerdings geht es hier um mehr. Es geht nicht um einen Manager unter seinesgleichen.
Der Gewerkschaftler an sich – und vor allem der große Vorsitzende – ist kein gewöhnlicher Manager – und auch nicht mit dem Maße zu messen, welches wir beim durchschnittlichen Manager anlegen.

Wie von den besten Wirtschafts-Leadern, so erwarte ich auch von den Gewerkschaftsbossen, daß sie leben, was sie predigen. Daß sie zuerst an ihre Leute und dann an sich denken.
Ich erwarte Männer und Frauen, die zu ihren Regeln, Prinzipien und Philosophien stehen.

Ich erwarte, daß sie vorangehen, auch wenn es wehtut. Das erst macht sie zu Leadern! Macht sie zu Leadern, denen ich gerne folge, weil ich sie bewundern kann für ihr außerordentliches Handeln und ihre Prinzipien. Zu Leadern, die mich durch ihr Vorbild inspirieren. Leader, die dem Wandel den Weg bereiten – und nicht auf ausgetretenen Pfaden den anderen hinterhertrotten.
Ich will Ideen, Lösungen, Wegweisendes, Quantensprünge – auch und gerade als Leadership Consultant.
Niemand braucht Arbeitnehmervertreter, die sich verhalten wie unsere schlechtesten Arbeitgebervertreter!

Vielleicht aber sprechen wir ver.di auch einfach nur falsch aus und es ist tatsächlich eher die Abkürzung von verdi.enen!

Update 04.08.2008, 08:02 Uhr: Die Welt online schreibt, Frank Bsirske hätte sich laut Bild-Zeitung entschuldigt: “‘Ich habe allerdings die Brisanz, die dieser Flug in der öffentlichen Wahrnehmung ausgelöst hat, unterschätzt’, betonte er und fügte hinzu: ‘Das war falsch.'”

Das ist ja schön, daß er nicht mal mehr im Vorhinein erkennen kann, wie falsch und unangebracht seine Handlungen sind.
Er hat tatsächlich jedes Maß verloren.

4 thoughts on “Wo beginnt Korruption, Herr Bsirske?”

  1. Für mich ist Herr Bsirske nur die Spitze des Eisbergs. Ich arbeite in der Sicherheitsbranche und verstehe die Welt nicht mehr. Da spricht ver.di von Supertarifabschlüssen, wodrauf sie stolz sind. Aber was steht dennda wirklich?
    1. Beispiel: Kündigung in der Probezeit 1 Tag zum Ende der Schicht! Ist das nicht fast das gleiche wie eine fristlose Kündigung? In meinen Augen schon, zumal nichtmal ein Grund angegeben werdn muss. Klasse für jeden ARBEITGEBER
    2. Beispiel: Arbeitszeiten. Die Sicherheitsfirmen dürfen ihre Arbeitnehmer auch länger als 10 Stunden beschäftigen, wenn dies erforderlich ist und nicht gesundheitsschädlich! Wer entscheidet dies denn? Natürlich der ARBEITGEBER. Nur woher will der denn wissen, was für den einzelnen Arbeitnehmer gesundheitsschädlich ist? 12 Stunden Schichten an 6 Tagen die Woche über 12 Monate ist dies sicherlich, aber es interessiert nicht. Wirste krank, kannste gehen. So sieht die Realität aus, und alles für 8,15 Euro die Stunde.
    Super Arbeit, Herr Bsirske, aber Hauptsache, Ihr habt Eure Säckchen voll.

  2. Eigentlich ja.
    Qed ist die Abkürzung von quod erat demonstrandum, und heißt: was zu beweisen wahr.
    Soll also sagen: Sie bestätigen mit ihren Worten, was ich mit meinen gesagt habe.
    Nicht mehr und nicht weniger. Das ist gut.

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