Lieber Norbert Röttgen, zum Gewinnen muss man das Spiel mehr lieben als den Sieg

Jetzt also übernehmen Sie großzügig die Verantwortung und geben "die Führung des Landesverbandes ab". Und Sie denken sogar noch, Sie hätten sich gut aus der Situation gerettet, in die Sie sich selbst hineinmanövriert haben. Sie wären ein Sieger.

Ganz im Gegenteil.

Ohne dass ich Sie auch nur im Geringsten in NRW halten möchte, muss ich Ihnen sagen:

Sich .. mit Verlaub, so klar sprechen wir die Dinge hier aus .. sich zu Verpissen ist das Gegenteil davon, Verantwortung übernehmen.

Das können Sie nicht wissen, ich weiss. Ihresgleichen setzt 'Verantwortung übernehmen' mit 'kassiere ich halt die Pension schon früher' gleich – oder mit 'nehme ich halt schon jetzt den besser dotierten Job in Europa oder Wirtschaft an'.

Verantwortung übernehmen heißt: für seine Fehler geradezustehen, sich Vorwürfe zu machen, auch darüber, dass man nicht auf die anderen gehört hat, sich Gedanken zu machen, wie man den Fehler selbst wieder ausbügeln kann, wie man wieder gutmachen kann, was man angerichtet hat, weil man seinen eigenen Dickschädel durchsetzen musste – aus fehlender Erfahrung, Intuition, Gesundem Menschenverstand.

Verantwortung übernehmen heißt: nachts nicht schlafen zu können, sich mit der Lösungsfindung zu quälen, so lange zu placken, zu schuften, bis man nicht nur den Fehler mehr als gutgemacht hat, sondern auch den Menschen, die mit einem kämpften, das Vertrauen in die eigene Person und die gemeinsame Aufgabe zurückgeben konnte.

Verantwortung übernehmen heißt: diese Menschen mit neuer Kraft (nein, kein Wortspiel) in das neue Spiel zu führen, in die Opposition und ein ehrenwerter, harter, aber fairer Gegner zu sein. Den Menschen den Glauben an Politik wieder zurückzugeben, den Glauben, Dinge bewegen zu können.

Sie aber wollen nur siegen, ehrenwerter Herr Röttgen. Sie wollen nicht spielen. Ihnen fehlt die Leidenschaft des wahren Politikers, der sich einsetzt, kämpft, bis zum Umfallen, der nach dem Fall wieder aufsteht und doppelt so stark kämpft wie zuvor. Sie machen nichts – ausser 'die Verantwortung übernehmen'. Genau solche Menschen braucht das Spiel aber nicht. Ganz im Gegenteil. Diese Menschen machen das Spiel kaputt und verleiden den anderen die Freude daran.

Woher jedoch sollten 'Politiker' wie Sie das wissen? Ihresgleichen sind nur Zocker, nicht leidenschaftliche Spieler.

Vor den Sieg jedoch hat die Demokratie einst das Spiel gesetzt. Es wird Zeit, sich dies vielleicht einmal durch den Kopf gehen zu lassen – wenn Sie wieder in Berlin sind, irgendwo auf irgendeinem selbstimaginierten Siegertreppchen, schwebend über den Niederungen der wahren Politik, des wahren Lebens.

Addendum:

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